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Julia

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(Fast) barfuss auf 2552m – mein BarfussSchuh-Guide

Inhaltsverzeichnis

„Mit den Schuhen kannst du unmöglich das nächste geröllige Stück absteigen – DAS (zeigt auf Wanderschuhe meiner Freundin) sind richtige Schuhe dafür!“ sagt-schimpft der ältere Herr empört, den wir auf dem Prättigauer Höhenweg treffen. Und ich verstehe ihn ja irgendwie, denn wahrscheinlich sehe ich in seinen Augen aus wie eine Städterin, die mit ihren Flipflops in die Berge läuft… Nur, dass ich kein Berg-Rookie bin und ziemlich genau weiss, was ich da an den Füssen habe – nämlich Barfuss-Sandalen.

Unterwegs in Barfussschuhen von Frühjahr bis Herbst, von Stadt bis Berge

In denen bin ich schon auf Berggipfel gestiegen oder 8h+ Stunden gewandert. Und schliesslich bewegten sich Menschen Tausende von Jahren primär barfuss, vor der Erfindung der Schuhe, oder? Als ich ihm all das erkläre, glättet sich seine wild gerunzelte Stirn zwar etwas. Ganz überzeugt ist er aber wohl noch nicht. Dabei gibt es so viele Gründe, warum Laufen in Barfuss-Schuhen genial ist!

5 1/2 Gründe fürs Laufen in Barfuss-Schuhen

Zugegeben, es war nicht nur der ältere Herr, der skeptisch auf meine Schuhe blickte. Auch die meisten meiner Wander-Buddies schauen erstmal irritiert, wenn ich mit den dünnen Sandalen zum Startpunkt unserer Tour erscheine. Die Frage nach dem «Warum» beantworte ich dann mit folgenden Argumenten:

Schöne Aussichten im Prättigau - in meinen Barfussschuhen

 

1 – Platz für die Füsse!

Wohl der offensichtlichste Punkt. Trifft natürlich bei offenen Sandalen noch mehr zu, aber auch geschlossene Modelle haben eine breite «Footbox», also einen breiten vorderen Schuh-Teil rund um die Zehen und den Vorderfuss, um Platz für die natürliche (breite) Form der Füsse zu schaffen. Wer sich dran gewöhnt hat möchte nur ungern zurück zu engen Schuhen!

2 – Den Untergrund spüren

Auch das wohl für die meisten keine Überraschung, zeichnen sich Barfussschuhe doch meist durch möglichst dünne Sohlen ohne eine sogenannte Sprengung (= eine Erhöhung im Fersenbereich) aus. Dadurch erhält man viel mehr Feedback vom Untergrund, auf dem man läuft – man hat quasi eine ganze Bandbreite neuer Sinneseindrücke. Hättest du gewusst, dass Füsse wie Hände besonders viele Nervenenden haben – um die 30‘000, um genau zu sein! Ganz deutlich zu spüren ist das in Skinners, quasi einem Socken aus robustem Material. Aber auch in meinen Barfusssandalen von Panta merken meine Füsse viel mehr, in welcher Umgebung sie gerade unterwegs sind – nasses Gras, matschige Wegabschnitte, Kiesel oder weicher Waldboden..

3 – Muskulatur und Haltung

Mit Abstand am häufigsten höre ich die Frage: Aber knickst du da nicht um?! Fun fact: Mit festen Bergschuhen bin ich früher viel öfter umgeknickt. Durch die dicke Sohle gab es einen viel grösseren und starren Hebel, durch den ich bei einer Unebenheit viel schneller umgeschlagen bin – heute spüre ich die durch die Sohle frühzeitig und kann reagieren. Natürlich lösen Barfussschuhe nicht per se das Problem – vielmehr muss der Fuss und die Muskulatur langsam aufgebaut werden. Mir hat Slacklinen sehr geholfen, denn es stärkt die Balance und auch das gesamte Fussgewölbe. Apropos Fussgewölbe – einige Menschen berichten, dass sie durch Barfuss laufen oder entsprechende Schuhe ihren Plattfuss oder Hallux valgus losgeworden sind. Weil sich die Fussmuskulatur aufbaut und die Knochen wieder Platz haben für ihre natürliche Form. Diese Studie hat ebenfalls gezeigt, dass sich Barfusslaufen positiv auf Gangbild, körperliche Leistungsfähigkeit und die Fussentwicklung ausübt. Beim Barfusslaufen (oder in entsprechenden Schuhen) wird zudem meist der Vorder- und Mittelfuss zuerst aufgesetzt statt der Ferse, was deutlich schonender für die Gelenke ist.

Nur noch "oben ohne" - in der Stadt wie in den Bergen.


4 – Achtsamkeit trainieren

«Stösst du dir denn nicht permanent die Zehen?» höre ich immer wieder. Nein, tue ich nicht. Aber ja, das erfordert (vor allem am Anfang) Konzentration. Mit Barfusssandalen schaue ich in felsigem Gelände genau wo ich hintrete, komplett barfuss natürlich nochmal mehr. Das hat aber auch etwas Schönes – ich bin ganz im Moment und nehme bewusst wahr, was um mich herum ist. Ich habe so von einer Wanderung quasi eine Erinnerungsschicht mehr, durch meine Achtsamkeit, aber auch das sensorische Feedback meiner Füsse. Und mit der Zeit gewöhnt sich der Körper daran und der Prozess wird unterbewusster. Wie bei allem gilt – Übung macht den Meister!

5 – Gesünder durch „Grounding“

Nun nähern wir uns den nicht mehr ganz so offensichtlichen Gründen. Hast du schonmal gemerkt, wie sehr dich Barfusslaufen auf einer Wiese oder Schwimmen in einem See entspannt? Wie du dich im wahrsten Sinne des Wortes «geerdet» fühlst? Nun, du bist nicht allein. Unter «Grounding» (oder deutsch «erden“) geht es schlicht um eine direkte Verbindung zwischen unserem Körper und der Erde. Das soll sogar gegen chronischen Stress, ANS-Dysfunktion, Entzündungen, Schmerzen, Schlafstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen helfen und dazu das Immunsystem stärken. Der Bereich ist noch nicht systematisch erforscht, aber erste Studien zeigen klare positive Effekte auf die Gesundheit der untersuchten Probanden. Dieser Grund gilt aber natürlich primär für komplett barfuss laufen ohne Schuhe 🙂

5.5 – Verschmelzen mit der Umwelt

Zugegebenermassen nur für wenige relevant, daher zähle ich ihn nur als halben Punkt 😉 Wer wie ich lernen möchte sich lautlos durch den Wald zu bewegen (um z.B Tiere zu beobachten oder zu fotografieren), der wird das mit Barfussschuhen deutlich leichter finden. Anpirschen und der Fuchsgang funktionieren mit Skinners (oder ganz barfuss) einfach am besten!

Fails und Wins – meine persönlichen (Marken-) Erfahrungen

Ich laufe und wandere seit ca. drei Jahren mit Barfussschuhen durch die Welt und habe bereits einige Modelle und Marken testen können. Eins vorweg: ich habe eher schmale Füsse, daher sind meine Einschätzungen nicht auf alle Menschen übertragbar. Im Folgenden berichte ich von meinen Fails, Wins und Learnings auf meiner bisherigen Barfussreise. Wer keine Lust auf Lesen hat, kann sich auch einfach durch die Galerie klicken 😉

Geschlossene Barfussschuhe

Fangen wir an mit geschlossenen Schuhen: Hier habe ich ursprünglich Schuhe gesucht, mit denen ich auch bei kälteren Temperaturen «wie barfuss» auf die Slackline kann. Ich habe zuerst die Five Fingers probiert, mit denen ich mich aber nicht recht anfreunden konnte. Zu kompliziert zum Anziehen und zu ungewohnt! Bald wurde ich dann auf die Skinners aufmerksam, die seitdem einen festen Platz in meinem Sortiment haben – ich liebe diese Sockenschuhe (im Bild), mit denen ich sogar schon über Dornengestrüpp gelaufen bin! Die «Sohle» ist 3mm dick und ein Paar wiegt nur 160g – und meine halten schon seit 3 Jahren. Nach dieser Erfahrung habe ich angefangen auch Barfussschuhe fürs Wandern und den Alltag zu suchen. Zuerst bin ich dabei auf den Klassiker Vivobarefoot gestossen, die mir allerdings leider aufgrund meines schmalen Fusses nicht gepasst haben. Das gleiche Spiel erlebte ich mit den Modelle von ZAQQ. Schliesslich habe ich mich fürs Wandern und Trailrunnen in die Merell Trail Gloves 5 verliebt, musste aber mit Bedauern feststellen dass das Nachfolgemodell eine viel engere Footbox hat – warum nur Merell?! Für den Alltag und die Stadt teste ich aktuell die Schuhe von Wildling – von dem was ich bisher gelesen habe scheinen diese aber nicht sonderlich robust bzgl. Wetter zu sein. Ich werde berichten 🙂

Offene Barfusssandalen

An offenen Sandalen waren zuerst die Lunas (USA) bei mir im Test, die mir aber Blasen bescherten und auch sonst zu dick, schwer unflexibel waren. Auch die Bindung hat mich nicht überzeugt. Als nächstes probierte ich das krasse Gegenteil – minimalistische, handgemachte Sandalen aus dem Schwarzwald, die Chalas. Die waren mir dann wiederum zu minimalistisch und sassen nicht gut am Fuss, die Schnürung war mir zu unbequem und kompliziert. Schliesslich bin ich auf den super hilfreichen Blog Anya’s Reviews gestossen, in dem über 100 Barfusssandalen (mit und ohne Zehensteg und auch welche für Kinder) gelistet sind. Und vor allem auch die Länder, aus denen die Sandalen sind – denn inzwischen versuche ich soviel wie möglich so nah wie möglich zu kaufen. Schlussendlich habe ich aufgrund von dieser Liste die Enix Sandalen aus Spanien und die Pantas aus den Niederlanden (siehe Bild) bestellt. Erstere waren mir leider wieder einen Tick zu breit beim Klettverschluss, zudem wirken die Pantas hochwertiger und langlebiger. Und that’s it – in die Pantas habe ich mich komplett verliebt und diesen Sommer so gut wie gar keine geschlossenen Schuhe mehr getragen. Sie sitzen wirklich fest am Fuss, nichts reibt, und das Fussbett (vor allem das aus Leder) passt sich dem Fuss hervorragend an. Übrigens gibt es die Pantas auch vegan sowie in «mitwachsend» für Kinder! Tipp: Sie liefern zwar in die Schweiz, aber ich musste CHF 27 Zollgebühren zahlen und würde es daher nicht empfehlen. Hol dir lieber ein kostenloses Postfach bei Grenzpaket – du zahlst für ein Päckchen mit Sandalen lediglich CHF 2.50. Nur abholen musst du dein Paket, dafür gibt’s aber 68 verschiedene Stationen von Basel bis Lichtenstein 🙂

Nur nicht übertreiben! Von Risiken und Nebenwirkungen

Du bist neugierig und willst das auch mal probieren? Go for it! Aber: Starte unbedingt langsam. Dein Körper ist diese andere Art des Gehens nicht gewohnt, und so wirst du schnell merken, dass es an ganz anderen Stellen Muskelkater gibt oder zieht als sonst – bei mir zum Beispiel hinten an der Ferse. Geb deinem Körper viel Zeit, damit du nicht mehr Schaden als Nutzen schaffst. Auch die Konzentration, vor allem bei Barfusssandalen, ist am Anfang ungewohnt und Übungssache. Ich habe mit kürzeren Touren in Barfussschuhen angefangen und meine „normalen“ Schuhe zusätzlich dabei gehabt, so dass ich bei zu starker Ermüdung wechseln konnte. Ein guter Anfang sind weiche Wiesen oder Waldwege, auch sogenannte Barfussparks können ein guter Start sein. Über drei Jahre habe ich so langsam aufgebaut und kann nun auch ohne Probleme 8h und über 1500hm in Barfusssandalen laufen. Aktuell bin ich nun dabei langsam zu komplett barfuss zu wechseln – aber auch das braucht wieder Geduld, denn nun muss sich noch meine Haut unter den Füssen an die erhöhte Reibung gewöhnen. Als nächstes möchte ich längere Barfusswege in der Schweiz laufen, diesen im Appenzell bei Jakobsbad, diesen bei Krummenau durch Moorlandschaften und diesen Barfusstrail im Engadin

Insgesamt ist es meiner Meinung nach wichtig herauszufinden, mit welcher Dicke der Sohle du dich wohl fühlst und welches Modell am besten zu deiner Fussform passt. Hier geht leider (wie bei mir) probieren über studieren, denn die meisten Marken kann man (noch) nicht im Laden anprobieren. In der Galerie findest du noch ein paar Beispiele, wie Barfusssandalen funktionieren, was mich überzeugt hat und was nicht. Es lohnt sich, es mal auszuprobieren – denn wenn du einmal das Gefühl in Barfussschuhen erlebt hast kann es sein, dass du nicht mehr zurück möchtest 😉

Und was war jetzt mit diesem 2552m-Gipfel...?

Jaaa, der Gipfel! Auf meiner Tour im Prättigau hatte ich als Zweitschuhe meine Stadt-Pantas mit Lederfussbett dabei und dachte mir spontan: wie weit ich wohl mit denen laufen kann? Der erste Tag startete mit 15km schonmal überraschend gut, aber am Ende hatte ich dann auch etwas müde Füsse. Am zweiten Tag wechselte ich dann, um sie nicht zu überstrapazieren, in meine geschlossenen Merell Barfussschuhe. 

In Barfussschuhen auf dem Riedchopf (2552m)

An Tag 3 packte ich sie dann wieder aus – mal schauen wie weit ich heute kommen würde. Langsam stieg ich dem Gipfel des Tages entgegen, erst durch wunderschöne Alpenwiesen und weiche Waldpfade. Dann langsam wurde die Berglandschaft rauher, immer mehr mischten sich steinige Wege ins Bild, bis ich irgendwann sogar vor einer mit Ketten gesicherten, kurzen Kletterpartie stand. Steige ich da jetzt wirklich in Barfuss-Sandalen hoch? Ich entschied mich zu einem Versuch – und war überrascht, wie gut ich auch auf Stein und Geröll Halt fand. Sicher haben da aber auch die vielen Jahre in den Bergen geholfen, wodurch ich inzwischen ziemlich trittsicher geworden bin. Und so landete ich schliesslich auf dem Gipfel, auf 2552m – in meinen Barfusssandalen. Ha, das hat geklappt! Aber diese Tour ist nochmal eine andere Geschichte – die ganze dreitägige Route auf dem Prättigauer Höhenweg folgt in den nächsten Wochen in einem weiteren Blogpost! 

Disclaimer: Die in diesem Artikel genannten Produkte wurden mit einer Ausnahme von mir selbst gekauft und ausgiebig getestet. Einzige Ausnahme: Nach dem Intensivtest auf dem Prättigauer Höhenweg stellte mir Pantasandals die Outdoor-Sandalen Zaros gratis zur Verfügung.

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