3
Julia

Julia

Adrenalin, Alphütten und Ausblicke – Woche 1 auf der Via Glaralpina

«Was habe ich mir da nur eingebrockt» fragte ich mich, als ich mich über den letzten Absatz zog und plötzlich vor einer steilen, exponierten Felswand stand. Oben zwischen den Nebelschwaden sah ich die nächste blau-weisse Markierung zwischen knorrigen, nassen Wurzeln glänzen – ganz klar, da ging der Weg durch. Ich hätte vielleicht doch besser die Umgehung bei dem Wetter genommen?

Links von mir fiel der Fels nahezu senkrecht etwa 150 Meter steil ab. In dieser Wand stecken die Metalltritte, wie bei einem Klettersteig – nur ohne die Sicherung für mich und meinen 12.5kg schweren Rucksack. Weitere Regentropfen fielen mir ins Gesicht, während ich mit einer Entscheidung rang. Was ich hier noch nicht wusste: dies ist die technischste Stelle der ganzen Via Glaralpina.

An diesen Moment würde ich mich noch lange zurück erinnern, stand er doch sinnbildlich für mein Gefühl am Start dieser ersten «richtig» langen Langstreckenwanderung, an die ich mich in diesem Jahr wagen wollte. Die Via Glaralpina sollte es sein, 19 Etappen, 280km, 18.500 Höhenmeter hoch und wieder runter. Einmal rund um den Kanton Glarus. Noch nie war ich so lange unterwegs, noch nie war ich so viele Höhenmeter über mehr als eine Woche gelaufen. Anfang 2023 war der Plan entstanden, und je näher die Abreise kam, desto mehr schwankten meine Gedanken zwischen «so cool, das wird grossartig» zu «bist du wahnsinnig, das ist ne Nummer zu gross». Erst im Tagestakt, kurz vor Abreise gefühlt minütlich. Ich beruhigte mich mit «lauf einfach und schau wie weit du kommst» – und fing an zu planen und zu packen.

IMG_6077
Die ersten Tage zeigten sich von ihrer nassen Seite.

Tag 1: Ein nasser Start in die Glaralpina

Sonntag sollte es losgehen, doch der Himmel hatte seit Tagen seine Schleusen geöffnet. Überflutungen und Erdrutsche wurden aus Teilen der Schweiz gemeldet. Also verschob ich auf Montag – doch auch der zeigte sich von seiner nassen Seite. Egal, los jetzt. Ich wollte endlich starten und fuhr mit dem Zug zum Ausgangsort Ziegelbrücke. In neuen Schuhen und in Regenausrüstung-Vollmontur lief ich los, etwas aufgeregt und mit meiner Geheimwaffe für Schlechtwetter im Ohr – Hörbücher auf einem alten iPod. Grau in Grau tropfte und triefte es überall, die Bäche waren angeschwollen.

Mein Tagesziel, das Blockhaus Mettmen, erreichte ich früher als geplant, da ich mir die letzten 300 Meter zum Gipfel kurzerhand ersparte: Ich versank im Matsch und war von aussen und innen inzwischen nass. Zudem war ich schon einige Male auf dem Hirzli. Im Haus erwartete mich dann ein Ofen und trockenes Holz – ein Traum – ansonsten war ich allein. Bald schon loderte ein Feuer im Kamin – ich liebe das Knacken und Knistern. Kleine Dampfwolken stiegen von meinen trocknenden Kleidern auf, während ich am Fenster dem Regen zusah und ein Reh beobachtete. Die Nacht verbrachte ich jedoch unruhig und träumte vom reissenden Bach neben dem Haus, der über die Ufer trat.

  • Die Unterkunft Blockhaus Mettmen ist online buchbar über die Gemeinde Glarus Nord und kostet 20 CHF. Es hat sechs Betten, wenn man Glück hat ist man jedoch allein.
  • Wichtig: Bei Anmeldung erhält man einen Code für die Tür, diesen unbedingt mitnehmen, sonst kommt man nicht rein.
  • Denn: Es hat keinerlei Mobilfunk-Empfang am Blockhaus.
  • Feuerholz steht gratis zur Verfügung.
  • Die Unterkunft hat fliessendes Wasser, elektrisches Licht und ein WC (aussen am Haus).
  • Eine Steckdose habe ich nicht finden können.
  • Es hat Kerzen, ich empfehle ein Feuerzeug dabei zu haben.
  • Es gibt keine Dusche.
  • Alle Infos zur Route hier: Etappe 1

Tag 2: Schlüsselstück zum Start – Kraxelei auf den Brüggler

Der nächste Morgen begrüsste mich noch immer regnerisch, aber immerhin etwas weniger. Auf einem steilen Zickzackweg ging es nun hoch zum Wänifurggel, wo ich mich entscheiden musste – blau-weiss ja oder nein? «Ich geh mal schauen, sonst kehre ich um» dachte ich mir – das sollte noch zum Leitspruch auf meiner ganzen Wanderung werden. Das Gelände wurde steiler und steiler, an nassen Wurzeln fand ich jedoch gut Halt. Jeder Tritt und jeder Griff wurde doppelt kontrolliert, was mich zwar sehr langsam machte, aber der Preis war mir meine Sicherheit wert. 

IMG_6152
Angekommen am Ziel: Allein auf den Rautihütten.

Eigentlich liebe ich so Kraxeleien – nur nicht gerade nach tagelangem Regen und im Nebel. Und dann stand ich plötzlich vor der oben beschriebenen, fast vertikalen Wand. Rauf oder alles wieder runter? Guter Rat war teuer und beratschlagen konnte ich nur mit mir selbst. Das Ganze wieder runter über die rutschigen Steine erschien mir riskanter als die Flucht nach vorn – also los. Voll konzentriert machte ich mich an das schwierige Stück und atmete bald auf, als ich dahinter das Gipfelkreuz des Brügglers sehen konnte. Ich schimpfte den Gipfel kurz («Huere schwäre Saucheib») und machte mich dann erleichtert an den sehr entspannten Abstieg. 

Durch Wiesen und Felder führte mich meine Tour dann erst zum Obersee und dann weiter zu den Rautihütten. Das Wasser schmatze inzwischen in meinen Schuhen, die 10 Stunden durch nasses Gras hatten ihnen zugesetzt. Mit Stirnrunzeln blickte ich auf die weiss überpuderten Gipfel, auf die eigentlich meine Route am nächsten Tag führen sollte. Ob das wohl ging? Aber erstmal ankommen – nach einigem hin und her hatte ich endlich die richtige Hütte, das Touristenlager, gefunden. Dankbar atmete ich auf, als ich darin Ofen und trockenes Holz erblickte. Manchmal braucht es nicht viel, um glücklich zu sein… So hackte ich mir einige Scheite, entfachte ein Feuer und trocknete meine Schuhe, ehe ich mein Bett (aka meine Isomatte) auf dem Tisch neben dem Ofen aufschlug – denn in den ungewärmten Schlafraum wollte ich nicht, zu sehr steckte die Nässe mir noch in den Knochen. Auf der Alp war ich einmal mehr allein, und so hatte ich eh alles für mich. Nun nur noch die Frage: Was würde meine Route am nächsten Tag sein?

  • Der Brüggler kann einfach umgangen werden, dazu stehen diverse Optionen zur Verfügung. Er ist bei Nässe nicht empfehlenswert.
  • Die Unterkunft kostet CHF 20 (kann via Twint gezahlt werden) und ist sehr einfach, es gibt keinen Strom und kein fliessendes Wasser. Es muss mit Eimern am Brunnen geholt und auch wieder entsorgt werden.
  • Kerzen sind vor Ort, es empfiehlt sich ein Feuerzeug dabei zu haben.
  • Es gibt eine Küche / Essraum mit Kamin in einem Haus und ein Schlaflager in einem anderen Haus.
  • Wenn die Alp nicht bewirtet ist, unbedingt vorher fragen wo das Touristenlager ist. Ich hatte die Information nicht. Tipp: Es ist ein Glaralpina-Zeichen an der Tür.
  • Schlafsack, Essen und Kocher müssen mitgenommen werden. Es gibt im Schrank in der Küche einige Gewürze und Öl (ohne Gewähr).
  • Wenn die Alp bewirtschaftet ist, kann man Z’Nacht vor Ort kaufen (nach Absprache).
  • Handyempfang ist kaum vorhanden, nur ganz am Anfang der Hütten mit Swisscom.
  • Es gibt keine Duschmöglichkeit.
  • Alle Infos zur Route hier: Etappe 2

Tag 3: «Das war eigentlich anders geplant»

Nach einer kurzen Abstimmung mit Maya von der Glaralpina wurde noch am selben Abend klar – das nächste Stück würde ich auslassen müssen. Zuviel Schnee für die blau-weisse Route am Wiggis. Also steuerte ich via Längeneggpass den Klöntalersee und das Gasthaus Richisau an, diesmal blieb ich sogar trocken. Dieser Weg war leider nicht sonderlich spektakulär, aber ich freute mich auf eine trockene, warme Unterkunft. Als ich ankam, war mein Zimmer leider noch nicht fertig, und so sass ich im Gastraum und versuchte die Augen offen zu halten – denn ja, die ersten zwei Nächte waren nicht die entspanntesten gewesen. Nach einem unglaublich leckeren Zmittag (Empfehlung!) schliesslich erhielt ich den Schlüssel und sprang endlich unter die Dusche – lange hatte sich das warme Wasser nicht mehr so gut angefühlt.. Dann sank ich in das weiche, saubere Bett und verschwand erstmal für 2 Stunden ins Land der Träume.

  • Die Route via Wiggis kann bei Schlechtwetter / Schnee via Längeneggpass umgangen werden.
  • Das Gasthaus Richisau bietet saubere, moderne Zimmer und sehr feines Essen. Zimmer kosten ab CHF 100 pro Nacht.
  • Mobilfunkempfang ist überwiegend vorhanden, im Hotel gibt es ein gut funktionierendes WLAN.
  • Duschmöglichkeit und Anschluss an den ÖV vorhanden.
  • Alle Infos zur Original-Route hier: Etappe 3 (Achtung, ich bin eine andere Route gelaufen)

Tag 4: Eine Zeltstadt auf knapp 2000 Metern

Am nächsten Tag führte mich meine Route zur Glärnischhütte – oder genauer, zum Basecamp nach nepalesischem Vorbild. Aufgrund eines Umbaus wurde diese Saison nämlich neben der Hütte eine Art Zeltstadt errichtet, mit Dom in der Mitte und Exped-Zelten rundherum. Im Aufstieg wurde ich ein Stück begleitet von meiner Mutter, die aus Deutschland zu Besuch gekommen war und die Tour direkt zum «Aufwärmen» mitlief. 

IMG_6384
Das Basecamp am Glärnisch beherbergt Gäste in Zelten während des Umbaus der Hütte im 2023.

Auf der Hütte angekommen, verbrachte ich die Zeit mit Lesen – und dem Werweissen über meine morgige Route über den Zeinenfurgglen. Nach einigen Gesprächen (Steigeisen? Firn?) gab schliesslich der Hüttenwart Fridli seine Einschätzung: «Die würde ich aktuell bei den Konditionen nicht mal selbst machen» Das ist ein Wort. Also erneute Planänderung. Zusammen mit Felix, den ich dort kennengelernt hatte und der ebenfalls die Glaralpina in einzelnen Abschnitten lief, würde mich der Weg morgen über Brunalpehöchi nach Braunwald führen. Nach einem fantastischen Raclette und viel Gelächter an unserem Tisch kuschelte ich mich bald in meinen Schlafsack, um fit zu sein für den nächsten Tag.

  • Die Route via Zeinenfurgglen sollte bei Schlechtwetter / Schnee umgangen werden via Brunalpehöcheli.
  • Die Glärnischhütte ist in 2023 komplett umgebaut und renoviert worden und eröffnet wieder in 2024. Das Basecamp war nur in 2023 im Einsatz.
  • Mobilfunkempfang ist nirgendwo vorhanden, mit keinem Anbieter. Dies gilt es zu bedenken bei der Planung der nächsten Übernachtung.
  • In 2023 war im Basecamp keine Duschmöglichkeit vorhanden, kein fliessendes Wasser, Toiletten sind Kompotoi.
  • Kein Aufpreis für glutenfreies Essen.
  • Alle Infos zur Route hier: Etappe 4

Tag 5: Oft kommt es anders als man denkt

Der nächste Tag begrüsste mich (endlich!) mit Sonnenschein und blauem Himmel. Ich startete früh, um den Weg in Ruhe geniessen zu können und Zeit zum Fotografieren zu haben. Bei einer längeren Pause stiess Felix dazu, und wir gingen die nächsten Stunden zusammen. Die Landschaft war riesig, der Anstieg angenehm und konstant, die Sonne wärmte mich – endlich, so hatte ich mir das Wandern auf der Via Glaralpina vorgestellt!

P9010179-Pano-FB
Blick auf die Glattalp von der Brunalpelihöchi

Erfreut merkte ich, dass ich bisher weder Muskelkater noch Blasen hatte. Während die Landschaft immer karsthaltiger wird, erklärte mir Felix einiges über die geologischen Hintergründe. Spannend! Ich fühle mich wohl auf meiner Tour und bin happy. Schliesslich bog er ab, er plante über den Bärentritt nach Braunwald zu gehen, während ich den Gumen ansteuerte. Auf den letzten Kilometern passierte es plötzlich: aus dem Nichts ein Stich im linken Bein, an der Wade, Richtung Knie. Verwundert dachte ich mir «da hatte ich noch nie was», und lief erstmal weiter. Doch bald schmerzte jeder Schritt und ich musste die Zähne zusammenbeissen, um es in die Unterkunft zu schaffen. Scheisse, was ist das denn bitte?! Ein Ruhetag wäre jetzt super, aber den hatte ich erst für übermorgen geplant. «Hoffentlich geht das über Nacht wieder weg» dachte ich mir, und nahm am Abend alles an Medikamenten und Salben, das ich dabei hatte.

  • Diverse Unterkünfte, je nach Route (via Brunalphöcheli oder Zeinenfurgglen) empfiehlt sich die ein oder andere mehr.
  • Meine Unterkunft im Gasthaus Gumen kostete CHF 78.20 inkl. Znacht und Zmorge.
  • Dort gab es Strom / Lademöglichkeiten und eine heisse Dusche.
  • Mobilfunkempfang ist erst ca. eine Stunde vor dem Gasthaus Gumen (kommend von Glattalp / Bützi) wieder vorhanden.
  • Via Gondel nach Braunwald ist hier der Anschluss an den ÖV möglich.
  • Abendessen kann aus drei Gerichten gewählt werden.
  • Alle Infos zur Original-Route hier: Etappe 5 (Achtung, ich bin aufgrund des Wetters eine andere Route gelaufen)

Tag 6: Stop n Go bis Vollstopp – (temporärer) Abbruch

Die Nacht wachte ich mehrfach vor Schmerzen auf. Kein gutes Zeichen… Am nächsten Tag entschied ich mich, trotzdem weiter zur Glattalphütte zu laufen und zu hoffen, dass der Pausentag mein Problem lösen würde. Ich hatte mir im Vorfeld zwar oft gedacht «Ich bin happy wenn ich es bis Braunwald schaffe» – um mir ein Zwischenziel zu setzen, quasi – aber nun, da ich da war, wollte ich sicher nicht aufhören!

Als Kompromiss entschied ich mich jedoch für die sanftere Tour zur Glattalphütte via Charetalphüttli – zum Glück, denn die letzten Stunden konnte ich mein Bein dann gar nicht mehr anwinkeln und humpelte wie ein schräger Wandergnom die letzten Kilometer zur Hütte. Ich wusste, dass es schwierige Momente geben würde. Und doch mag man sie dann gar nicht, wenn sie da sind. Trauer, Frust und Enttäuschung dominierten meine Gedanken, während ich ein wenig später von der Terrasse die Felswand anschaute, durch die Etappe 7 führen würde. Aber daran war momentan nicht zu denken. 

 Nach zwei weiteren Nächten die bittere Erkenntnis – für den Moment war hier Schluss, ich musste zum Arzt. Immerhin verabschiedete sich dieser Teil der Wanderung mit einem grandiosen Sonnenuntergang bei mir, ehe ich am nächsten Tag meine Sachen packte und mit der Bahn runter nach Sahli gondelte.  Nach dem Umstieg auf den Bus und einem Kuhstau brachte mich der ÖV zurück Zürich. Wehmütig warf ich einen vorerst letzten Blick auf die Berge – ich würde so bald wie möglich wiederkommen, versprochen!

  • Zwei Möglichkeiten für Unterkünfte auf der Glattalp. Bei SAC Hütten kann bis 2 Tage vorher kostenfrei storniert werden, bei anderen Unterkünften nicht.
  • Strom / Lademöglichkeiten waren auf der SAC Hütte Glattalp vorhanden und auch eine heisse Dusche (gegen Aufpreis).
  • Glutenfreies Essen kostet CHF 9 extra.
  • Mobilfunkempfang ist hervorragend (Mast in der Nähe der Hütte).
  • Via Gondel nach Sahli Anschluss an den ÖV (Achtung, der Bus fährt nur bis Ende September!)
  • Alle Infos zur Original-Route hier: Etappe 6 (Achtung, ich bin aufgrund meiner Verletzung eine andere Route gelaufen)

Fakten & Zahlen

Die Gesamtroute der Via Glaralpina: Grün meine Strecke, rot die umgangenen Stücke.

Die erste Woche führte mich von der Ziegelbrücke bis zum Glattalpsee – total 80.4km bei 2930 positiven und 2850 negativen Höhenmetern. Aufgrund des Schnees musste ich Etappe 3 und 5 anders laufen (mein Weg in der Grafik in Grün, die Original-Etappen in Rot). Etappe 6 bin ich aufgrund meiner Verletzung freiwillig anders gelaufen, was aber ungefähr gleich weit bei leicht weniger Höhenmetern war. 

Stories mit Videos von jedem Tag mit mehr Details sind auf meinem Instagram-Profil unter «Highlights» zu finden.

Disclaimer: Dieser Blogbeitrag ist in Zusammenarbeit mit der Via Glaralpina und Glarnerland Tourismus entstanden. Der Bericht spiegelt jedoch meine eigenen Erlebnisse. Dieser Text wurde ohne AI (Chat GPT und Co.) geschrieben.

Folge mir auf Social Media:

Post teilen via:

Sorry it's copyrighted. Contact me!