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Julia

Julia

Sternschnuppen und Steinböcke – Woche 2 auf der Via Glaralpina

Kleine Steine rutschen unter meinen Fusssohlen weg und rollen über die steile Klippe hinab ins Tal. Mit den Händen suche ich den nächsten Griff am Felsen, um mich ein Stück weiter hochzuziehen. Zerfurcht und zerklüftet erhebt sich der Gletscher vor meinen Augen – daneben kauert fast unscheinbar ein Gebäude. Knarzend öffne ich die Tür zur ältesten SAC Hütte der Schweiz.

Doch ich sollte von vorne anfangen. Die zweite Woche auf der Via Glaralpina begann auf der Glattalp, wo die letzte aufgehört hatte. Ein Arztbesuch, viel Zeit auf dem Sofa und diverse Wünsche ans Universum hatten geholfen – mein Bein fühlte sich endlich wieder gut und belastbar an, die Muskelansatz-Entzündung hatte sich weitestgehend gelegt. Gut so, denn ich wollte unbedingt zurückkehren auf die Via Glaralpina, von der ich erst 6 der 19 Etappen zurücklegen konnte! Also packte ich erneut meine Sachen und fuhr zurück ins Glarnerland.

Tag 7: Karge Karstlandschaften und weite Blicke

Von der Glattalphütte hatte ich zwei Tage die Route von Tag 7 angeschaut – und doch beim besten Willen keinen Weg durch die steile Bergflanke ausmachen können. Nun, da ich am Start der Route stand, merkte ich einmal mehr wie Perspektiven täuschen können – viel weniger steil erschien mir das Gelände aus diesem Winkel nun, und ich freute mich auf den Aufstieg, der sich mir so lange entzogen hatte. Über viel Geröll ging es im Einschnitt nach oben, bis unvermittelt der Berg wie abgeschnitten erschien – ich hatte das Karstplateau erreicht.

Ich entschied mich für eine Pause und liess meinen Blick über die Gletscher in der Ferne streifen – bei hervorragender Fernsicht konnte ich bis zum Titlis sehen. Dann plötzlich erhaschte mein Auge eine Bewegung ganz in der Nähe – ein Wiesel oder Hermelin huschte über die Steine, zu schnell, um es eindeutig zu erkennen oder gar zu filmen. Mit einem Lächeln im Gesicht ab dieser Begegnung machte ich mich an den weiteren Weg, auf dem ich erst über viele Karstlöcher balancierte und dann schliesslich den sehr rutschigen Abstieg in Angriff nahm. Bald kam nun das Gras zurück, und mein Abstieg führte mich auf den Urner Boden.

  • Die Route ist eine der kurzen Touren auf der Glaralpina und dauert ca. 3h.
  • Der Aufstieg ist geröllig (mittel bis gröberes Geröll) und daher etwas rutschig, aber insgesamt ist die Route eine eher einfache blau-weisse Tour.
  • Unangenehm ist eher der Abstieg durch das Firner Loch. Dieser ist zwar wieder rot-weiss, aber deutlich rutschiger (Sand und kleines Geröll) als der Aufstieg.
  • Die Route sollte keinesfalls bei Schnee begangen werden, denn es hat kleine und grosse Karstlöcher, die gross genug sind um sich entweder den Fuss zu vertreten oder ganz hinein zu stürzen (und sie sind zum Teil tief).
  • Es hat Mobilfunk-Empfang auf der ganzen Strecke.
  • Alle Infos zur Route hier: Etappe 7

Tag 8: Schlaue Sprüche und Sternschnuppen

Hier traf ich meine Mutter, die mich die nächsten Tage begleiten würde. Da sie mit 69 Jahren schon etwas älter ist und wir nicht recht wussten, wie gut blau-weisse Geröllhalden im Abstieg vom Gemsfairenstock für sie machbar sein würden, entschieden wir uns für die entspanntere Variante zur Claridenhütte. Da ich diesen Gipfel auch schon vor einigen Jahren gemacht hatte, war der Entscheid für mich okay. 

So führte uns ein weit geschwungener Weg erst sanft, dann immer steiler Richtung Hütte. Während das Gelände einmal mehr immer karger wurde, wurden die Steine am Wegesrand immer bunter – denn scheinbar hatte jemand Freude an amüsanten Sprüchen für Wanderer. Das sollte uns gerade recht sein, denn an diesem sonnigen Tag lief uns der Schweiss in Strömen! Wir durchquerten noch ein Gletscher-Bachbett und bald schon lag die Claridenhütte vor uns – inklusive einladender Hängematte und Sonnenliegen.

Genau so hatten wir uns das vorgestellt und so legten wir die Füsse hoch, während gackernd die Haus-Hühner ihre Kreise um uns drehten. Ab und zu schnurrte auch die Katze vorbei oder der Hund, der uns jedoch keines Blickes würdigte. Nach dem feinen Znacht von der herzlichen Hüttencrew schaute ich in den wolkenlosen Himmel – und hatte eine Idee. Schnell checkte ich meine Fotografie-App und sah, dass sich die Milchstrasse heute Nacht direkt hinter dem Tödi zeigen würde! Und das zu richtig humanen Zeiten um halb 10. An Schlafen war da nicht mehr zu denken und so zählte ich an diesem Abend diverse Sternschnuppen, während meine Kamera die Schönheit des Moments einfing.

  • Die Originalroute führt über das Gämsfairenstock, kann jedoch rot-weiss umgangen werden um den Rotstock.
  • Glutenfreies Essen auf der Claridenhütte war kein Problem und kostenfrei (muss angemeldet werden).
  • Viele Liegestühle, Liegen und Hängematten vor der Tür.
  • Mobilfunk-Empfang ist nur vorne am Hühnerstall mit Swisscom möglich.
  • Eigene Beete und Hühner vor Ort.
  • In der Nähe ist ein Badesee (ca. 15 Min. entfernt).
  • Eine Dusche ist meines Wissens nicht vorhanden, die WCs sind Trocken-WCs mit Transportband (im Haus).
  • Alle Infos zur Route hier: Etappe 8

Tag 9: Gletscherflüsse und seine Majestät, der Tödi

Ja, hier kann ich sagen – Etappe 9 war eine meiner Highlight-Etappen. Nach einem wunderschönen Sonnenaufgang und einem letzten Blick zurück Richtung Claridenhütte führte uns der Weg über felsiges Gelände – das Schild «Ketten umgehen» hatten wir falsch interpretiert, wie wir bald darauf merkten. So stand direkt zum Start eine kurze Kraxel-Partie an, die meine Mutter mit Bravour meisterte. An vielen kleinen Seen führte unser Weg immer weiter Richtung Tödi, bis wir den ersten Höhepunkt des Tages erreichten – die Überschreitung ins nächste Tal. Weit tastete sich unser Blick über aufgeschobene Gletscher, einen mäandernden Fluss, saftige Wiesen und eben den Tödi, der über allem thronte. Wow! 

In vielen kleinen Windungen führte unser Weg nun ins Tal und wir konnten gar nicht abwarten, unsere Füsse im Fluss zu kühlen. Nach dem Gegenaufstieg folgte dann direkt das zweite Highlight des Tages: Erst ein kleiner, moosbewachsener Fluss, fast märchenhaft anmutend – und dann hinter der letzten Biegung das nächste Tal mit dem gewaltigen Bifertengletscher. Züngelnd floss er ins Tal, bewacht oben von der Grünhorn- und unten von der Fridolinshütte, unserem Tagesziel. Nun kannte ich kein Halten mehr, denn ich wollte so schnell wie möglich ins Tal, um es noch vor dem Znacht zur Grünhornhütte rauf und wieder runter zu schaffen.

Mein Rucksack blieb unten, nur mit Jacke, Wasser und Kamera lief ich los, so schnell ich konnte. Der Weg wurde immer steiler und Steine rollten unter meinen Füssen weg, bald schon musste ich die Hände dazu nehmen. Schliesslich stand ich auf dem Grat, den Gletscher zu Füssen, und drehte den schweren Metallring zur Hütte. Was sich wohl dahinter verbarg? Knarzend öffnete sich die Tür und gab den Blick frei in einen kargen Raum mit rohem, gerölligen Boden. Dominiert wurde er von einem schweren, mit Schnitzereien übersähten Holztisch, auf dem diverse alte, vergilbte Hüttenbücher lagen, die deutlich schon durch tausende Hände gewandert waren. 

Einige Tafeln an der Rückwand erzählten die Geschichte der Grünhorn-Hütte, die 1863 erbaut wurde. Ich liess den Blick schweifen, über die Wände und durch die engen Fensterschlitze nach aussen auf die Gipfel. Ich schloss die Augen und versuchte mir die Besteigungen hier vor 150 Jahren vorzustellen: Mit Nägeln unter den Schuhen, schweren Leder-Rucksäcken und in einfachster Kleidung im Vergleich zu heute. Die erste Frau stand übrigens am 13. Juli 1869 am Gipfel des Tödis – im Rock. Was für eine Leistung in dieser Zeit.

Gern wäre ich noch länger geblieben, doch das Znacht rief und so machte ich mich im Laufschritt wieder auf den Weg gen Fridolinshütte. Ohne Rucksack fühlte ich mich so leicht, und meine Füsse flogen nur so über den Weg – an dieses Gefühl würde ich mich noch lange erinnern. Den Abend schloss ich einmal mehr mit Milchstrassen und Sternschnuppen – einmal mehr perfekt über dem Bifertengletscher ausgerichtet konnte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen.

  • Der Abstecher zur Grünhornhütte lohnt sich und dauert ca. 1h (in normalem Tempo). Der Weg ist im oberen Teil mit Ketten gesichert.
  • Glutenfreies Essen auf der Claridenhütte war kein Problem und kostenfrei (muss angemeldet werden).
  • Das WC ist ein Plumpsklo und befindet sich ebenso wie die Waschtröge vor dem Haus.
  • Mobilfunk-Empfang ist nur draussen vor der Hütte möglich (getestet mit Swisscom).
  • Direkt unter der Hütte ist ein kleiner Badesee (siehe Fotos).
  • Eine Dusche ist nicht vorhanden.
  • Alle Infos zur Route: Etappe 9

Tag 10: Neugierige Schafe und ein Überraschungs-Gewitter

Am nächsten Tag starteten wir früh, denn ein Unwetter war für den Nachmittag vorhergesagt. Doch bisher liess sich keine Wolke am Himmel blicken und wir machten uns in strahlendem Sonnenschein an den Abstieg. Durch neugierige Schafe führte unser Weg, die uns umringten und gar nicht genug gestreichelt werden konnten. Bäche und tiefe Schluchten säumten den Weg, auf dem sich je ein steiler Abstieg und ein Plateau abwechselten. 

Ab Hinter Sand wechselte der Wanderweg auf eine Strasse, die uns via der geschichtsträchtigen Pantenbrugg ins Tal führte. Hinter Tierfed hielten wir unsere Füsse ins Wasser, die sich nach 1400 Höhenmeter über eine Abkühlung freuten. Noch immer sah der Himmel harmlos aus, was sich aber in der nächsten halben Stunde rasch änderte. Ein dumpfes Grollen und ein erstes Zucken am Himmel beschleunigte unsere Schritte, und mit den ersten dicken Tropfen kamen wir in Braunwald an. Ein Pausentag stand an, denn den ganzen nächsten Tag sollte es durchregnen.

  • Der Abstieg kann ab Hinter Sand mit dem Taxi abgekürzt werden. Die entsprechenden Nummern finden sich in der Fridolinshütte am Anschlag.
  • Die Route verläuft ab Hinter Sand auf einer breiten Naturstrasse. Er ist zwar lang, aber dadurch ziemlich entspannt zu gehen.
  • Die Pantenbrücke wird gekreuzt, es lohnt sich die Historie dazu zu lesen.
  • Alle Infos zur Route: Etappe 10

Tag 11: Steinbock-Safari und Mondlandschaften

Da waren sie, die gehörnten Könige der Alpen! Mächtig thronten sie auf den Felsen über uns, erst eine Herde mit sechs Böcken, später eine mit Steingeissen – hier zählten wir über 30 Tiere. Nicht, dass der Aufstieg Richtung Muttseehütte an sich nicht schon spektakulär genug wäre – tiefe Schluchten und nebelumwobene Gipfel wechselten sich im Minutentakt ab. Aber der Hauptgrund, warum vor allem meine Mutter diese Etappe mitlaufen wollte, waren eben die königlichen Böcke. Und als wir sie einmal erspäht hatten, konnte ich sie kaum mehr zum weiter wandern bewegen..

Als wir schliesslich doch auf dem Plateau der Muttseehütte ankamen, war ich etwas überrascht – ein Damm und einige technische Gebäude und Leitungen dominierten das Bild. Da die Hütte seit Monaten ausgebucht war, war ich nun gar nicht mehr so traurig, dass wir hier nicht übernachten konnten. Aus diesem Grund mussten wir heute auch zwei Etappen (11 und 12) zusammenlegen, so hiess unser Tagesziel also Bifertenhütte. Wir liessen die Gegend und auch das grasige Gelände bald Richtung Kistenpass hinter uns, durch dunkles Gestein ging es höher und höher. Und dann konnten wir ihn endlich gut sehen – unter uns schimmerte der Limmerensee in den schönsten Blautönen.

An Ketten und mit sicherem Schritt ging es weiter aufwärts, bis wir auf 2729m den vorerst höchsten Punkt der Glaralpina erreichten. Wolkenfetzen trieben über die Hochebene, die sich vor uns nun erstreckte, und verschluckten uns von Zeit zu Zeit. Wie eine Fata Morgana tauchte in der Ferne immer mal wieder die Hütte zwischen den Schwaden auf, nur um kurz darauf wieder zu verschwinden. Die letzten Kilometer umwindete uns ein kalter Wind, sodass wir uns umso mehr auf die Hütte und einen warmen Tee freuten. Die nächsten zwei Etappen würde ich wieder allein unterwegs sein, denn nun wartete etwas Besonderes auf mich: Die Königsetappe der Glaralpina.

  • Wir mussten Etappe 11 und 12 zusammenlegen, da die Muttseehütte seit Monaten für mein Zeitfenster ausgebucht war, daher habe ich keine Infos zur Hütte.
  • Die Bifertenhütte wurde erst vor wenigen Jahren renoviert und ist sehr modern gestaltet, dabei wurde viel Wert auf den Ausbau mit Holz gelegt. 
  • Glutenfreies Essen in der Bifertenhütte war kein Problem (auf Voranmeldung).
  • Das WC in der Hütte ist ausserhalb und eine Trenn-Toilette. 
  • Es gibt fliessendes Wasser im WC, jedoch keine Dusche.
  • Mobilfunkempfang war unproblematisch.
  • Alle Infos zur Route: Etappe 11

Fakten & Zahlen

Die Gesamtroute der Via Glaralpina: Grün meine Strecke, rot die umgangenen Stücke.

Die zweite Woche führte mich vom Glattalpsee zur Bifertenhütte – total 57.8km bei 3290 positiven und 4378 negativen Höhenmetern. Etappe 7 bin ich am Ende gelaufen und Etappe 8 bin ich auf dem rot-weissen Weg gelaufen, damit meine Mutter mich begleiten konnte. Etappe 11 und 12 mussten wir kombinieren, da die Muttseehütte ausgebucht war. 

Stories mit Videos von jedem Tag mit mehr Details sind auf meinem Instagram-Profil unter «Highlights» zu finden.

Disclaimer: Dieser Blogbeitrag ist in Zusammenarbeit mit der Via Glaralpina und Glarnerland Tourismus entstanden. Der Bericht spiegelt jedoch meine eigenen Erlebnisse. Dieser Text wurde ohne AI (Chat GPT und Co.) geschrieben.

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